Es ist erstaunlich, wie eigene Vorstellungen durch frühe Bilder geprägt werden.
Als ich im Herbst 1996 beim Landeanflug den ersten Blick durch den Dunst auf Shanghai warf, war ich verwundert, denn die Häuser hatten flache Dächer. Keine dieser geschwungenen Giebel, die man aus den alten Bruce Lee – Prügelfilmen kannte, die Anfang der 80`er abwechselnd mit Softpornos in dem heruntergekommenen „Regina“-Kleinkino meiner Heimatstadt abgespielt wurden.
Natürlich hatte ich damals bei der Ankunft auch zu wenig Klamotten an, denn Bruce Lee trat seinen Gegnern immer mit freiem Oberkörper bei strahlendem Sonnenschein in den Arsch; denn so ist es nun mal in China, dachte ich, zumindest was das Wetter betrifft.
Es war nicht meine einzige Vorstellung, die ich in den nächsten Wochen revidieren sollte.
Denn weder Bruce Lee mit seinen Kumpanen in Pluderhosen, Tellerhut und Opiumpfeife, noch Rotgardisten, Maobibeln schwenkend und revolutionäre Parolen skandierend, liefen durch die Straßen, sondern ganz normale Menschen.
Okay, die Girls damals schon ein wenig schicker als bei uns und die Männer oft noch mit der Zigarette im Mundwinkel. Aber davon mal abgesehen deutlich weniger exotisch und viel unspektakulärer als in meinen Vorstellungen.
Es waren die Jahre 1996 bis 2023, die mich beruflich mit China verbanden. Lange Zeit lebte ich als Expat in der Weltstadt Shanghai und dem Industriezentrum Changchun im Norden. Es waren die Boomjahre in China, Stadtbilder änderten und Entwicklungen überschlugen sich im Jahrestakt. Mit Xi Jiping, Corona und dem Ende der Globalisierung kam es hier zu einem Bruch. Als ich 2023 das letzte Mal in Shanghai ins Flugzeug nach Frankfurt stieg, war das Land ein anderes als 1996; Entwicklungen folgen eben ihrer eigenen Dynamik.



Ein wenig Wehmut habe ich heute allerdings, wenn ich auf diese Phase meines Lebens zurückblicke. Eindrücke aus der Zeit habe ich in den Fotoessays hier gesammelt und freue mich, wenn sie auch Ihr Interesse finden!