Tibet 1997

Terra Incognita





1. Jenseits der Komfortzone


2. Im Zentrum des tibetischen Buddhismus


3. Lhasa Street


4. Durch das tibetische Hochland




1. Jenseits der Komfortzone

Goldgelb leuchteten die Bergspitzen des Kunlun Shan, als am frühen Morgen die Ilyuschin auf der Rollbahn des Flughafens von Lhasa aufsetzte.

Keine Möglichkeit, den Körper an den geringen Luftdruck auf 3800 m Meereshöhe zu gewöhnen; die Gangway ging ich schwindelnd hinab, immer eine Hand am Geländer, und den rasenden Puls konnte ich in bis in die Schläfen spüren.

Es war der erste Hinweis auf das, was mich in den nächsten Tagen erwarten würde: Eine ungezähmte Natur, in die ich eintauchen, eine fremde Kultur, die ich kennenlernen, eine Herausforderung, die ich meistern wollte. Und ein wenig fühlte ich mich in einer Reihe mit Sven Hedin und Heinrich Harrer, wenn auch mit Hotelzimmer im Holiday Inn und Reisemöglichkeit im Toyota-Jeep.

Tibet Ende der 90`er Jahre lag wahrlich noch am Rande der Welt. Nur zwei Flüge am Tag gab es dorthin und ein Besuch war ausschließlich nach Genehmigung durch die chinesischen Behörden möglich. Einer der letzten fast weißen Flecken auf der Landkarte, immer noch geheimnisvoll, doch schon im Fokus der Moderne.

Höchste Zeit also, Vertrautes zu verlassen und Abenteuer zu erleben. Bereut habe ich es keine Sekunde lang!




Die Einsamkeit im tibetischen Hochland ist allgegenwärtig.

 

2. Im Zentrum des tibetischen Buddhismus

Aus schlanken Öfen stieg Rauch auf, gebildet durch die Verbrennung tausender Papierschnipsel, auf denen Fürbitten standen. Asche schwebte durch die Luft und legte sich auf die Haut. Islamische Händler und wenige Touristen waren Statisten in diesem Schauspiel. Die Szenerie war archaisch, rauh und weltentrückt. Manche Pilger versteckten in den Ärmeln ihrer groben Winterjacken Bilder des Dalai Lama. Nichts verband sie mit weltlichen Beschränkungen, ihr Streben galt dem großen Nichts, dem Nirvana.

Und aus den Seitengassen blitzte das Grün der chinesischen Militäruniformen.




Der Potala-Palast in Lhasa, der eigentliche Regierungssitz des Dalai Lama.
Heute residiert er im Exil in McLeod Ganj, Himachal Pradesh, Indien.




Zottelige Ponys ersetzten noch Ende des 20. Jahrhunderts motorisierte Lieferwagen.




Ein Verkaufsstand für bunte Gebetsfahnen auf dem Barkhor-Platz im Herzen Lhasas.




Die Asche der verbrannten Fürbitten steigt in den Himmel.



Mönche und Pilger sind allgegenwaertig auf den
Strassen und Plätzen Lhasas.



Die goldenen Türme des Klosters Drepung bei Lhasa.




Rot ist die Farbe der Mönchsgewänder.



Eine Oase inmitten der tibetischen Kältewüste: Das Kloster Drepung.




Novizen wärmen sich an einer sonnenbeschienenen Mauer des Klosters Drepung.


3. Lhasa Street

„Om mani padme hum“ erklang es überall rund um den Barkhor, dem zentralen Platz Lhasas. Pilger warfen sich auf den Boden, nur um wieder aufzustehen und die Huldigung nach ein paar Schritten zu wiederholen. Andere drehten pausenlos ihre Gebetsmühlen auf dem Weg zum Jokhang-Tempel im festen Glauben, der Erleuchtung näher zu kommen. In den wettergegerbten Gesichtern spiegelten sich die harten Lebensbedingungen der Pilger wider. Außer kümmerlicher Gerste wuchs nichts auf ihren Feldern, ein Leben am Limit mit der Religion als Hoffnung.




Ein Pilger wirft sich als Zeichen der Unterwerfung auf den Steinboden vor dem Jokhang, dem Haupttempel Lhasas.




Singen und musizieren gehört zum buddhistischen Alltag.



"Om mani padme hum", "oh du Kleinod in der Lotosblüte".
Jede Drehung der Gebetsmühle rezitiert die Worte.




Viele Gläubige nahmen eine mehrtägige Anreise in Kauf um auf dem Pilgerweg den Jokhang-Tempel zu umrunden.





In Lhasa treffen sich tibetische Pilger mit Han-Chinesen aus Sichuan und muslimischen Uiguren von der Seidenstraße.


4. Durch das tibetische Hochland

Frühmorgens begann die Fahrt, auf dem "Friendship Highway" Richtung Westen durchs zentrale tibetische Hochland.  Namenlose Viertausender überall, schneebedeckt und unberührt . Im Süden zum Greifen nahe die Kette des Himalaya. Entfernt am Horizont war der Wohnort der „Göttinmutter“ zu erahnen, der Chomolungma, auch Mount Everest genannt.

Entgegen meiner ursprünglichen Vorstellung hatte die Landschaft nicht im entferntesten alpinen Charakter. Stattdessen drängten sich mir Vergleiche mit einer Wüste auf: Trockenheit, Staub und ein Himmelsblau, wie ich es noch nie im Leben gesehen hatte.

Unzählige Klöster mit ihren Mönchen fanden sich überall im Hochland. Tibet ist das Zentrum des Vajrayana-Buddhismus, des „Diamantenen Fahrzeugs“.

Heute, 25 Jahre später, ist das tibetische Hochland ans chinesische Eisenbahnnetz angebunden und eine beliebte Destination für Touristen geworden. Trotz all der Jahre, die ich später noch in China verbracht habe, hat es mich nie mehr nach Lhasa, ins Kloster Sakya oder an den Yamdrok Tsho gezogen. Ich möchte mir Eindrücke von damals unverfälscht bewahren. Vielleicht können Sie verstehen, was ich meine, wenn Sie meine Fotos aus dieser Zeit hier betrachtet haben.




Blick über das Tal des Brahmaputra nach Süden.




Am See Yamdrok Tsho, südlich von Lhasa.



Gebetsfahnen irgendwo im Hochland.



In vielen Kehren schlängelt sich der "Friendship Highway" durch eine Mondlandschaft.
Blick vom Tsuo La-Paß auf 4500 m Meereshöhe.




Ein Mönch vor den Mauern des Klosters Pelkor Chode in Gyangtze.


Der Hauptturm des Klosters Pelkor Chode in Gyangtze.




Die dunklen Mauern des Klosters Sakya westlich von Shigatse.


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