Kaiping

Einzigartige Architektur im Perlflußdelta



Die chinesische Mauer? Weltbekannt. Die Terracottaarmee? Kennt auch jeder. Doch die Diaolous, die befestigten Wohntürme von Kaiping? Weitgehend unbekannt, auch in China selbst.
Dabei sind diese Bauten so einmalig, daß sie dem Vergleich mit bekannteren touristischen Hotspots mühelos standhalten.

Nach den Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das chinesische Kaiserreich gezwungen, seine Abschottungspolitik aufzugeben. Besonders aus dem damals armen, übervölkerten und ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Perlflußdelta wanderten hunderttausende Menschen aus; nach USA und ins kolonial geprägte Südostasien. So erbärmlich die Arbeitsbedingungen dort auch waren, es wurde Geld verdient. Gesundheit für Lohn und Brot - das frühkapitalistische Tauschgeschäft.

Manche der Auswanderer kehrten nach Jahren zurück, andere blieben und schickten Geld an ihre Clans daheim in Kaiping. Es war eine Zeit der politischen Instabilität in China. Das Kaiserreich war korrupt und schwach, die europäischen Mächte bauten ihren Einfluß in den Küstenstädten aus und die Provinz wurde von brutalen Warlords regiert. Im Süden tobte in dieser Periode der Taiping-Aufstand, das Faustrecht herrschte und plündernde Verbrecherbanden suchten die Dörfer heim.

In diesen Wirren nun mußten sich die durch das Auslandsgeld wohlhabend gewordenen Clans schützen und die befestigten Wohntürme entstanden. Ihre Architektur ist immer gleich: Ein mehrere Stockwerke hoher Turm mit quadratischem Grundriß und gleichmäßig angeordneten Fensterreihen. Gekrönt wird diese Basis von einem auskragenden, aufwendig verziertem Aufbau. Dabei kamen architektonische Stilelemente zum Einsatz, die die Auslandschinesen in der westlich geprägten Fremde kennenlernten: Barocke Stützelemente, griechische Säulen, stellenweise Jugendstilverzierungen. Baustoff der Diaolous war Stahlbeton, die Fenster mit eisernen Läden bewehrt.

Während der Kulturrevolution in den 60'er Jahren allerdings waren die architektonischen Anleihen an die westliche Kultur verpönt. Nicht wenige Wohntürme wurden abgerissen und die Bewohner vertrieben.

Im Laufe der Jahrzehnte konnten so ungestört Türscharniere rosten, Putz bröckeln und Kletterpflanzen ranken - der morbide Anblick inmitten der tropischen Vegetation des Perlflußdeltas sorgt heute für eine fast märchenhafte Stimmung.

Seit einigen Jahren allerdings rückt der kulturelle Wert dieser Bauten wieder ins Bewußtsein und eine behutsame touristische Erschließung findet statt. Der Ritterschlag war die Aufnahme der Bauten in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes vor kurzem. Trotzdem werden die Diaolous von Kaiping in den allermeisten westlichen Reiseführern noch nicht erwähnt.

Ein Besuch mittels Mietwagen läßt sich über die Traveldesks der großen Hotels in Guangzhou mühelos organisieren. Ctrip bietet geführte Touren an, ebenso von Guangzhou aus. Diese Touren fahren Zili bei Kaiping mit seinen Diaolous und dem einmaligen dörflichen Charakter an, sowie die Kleinstadt Chifeng mit ihrer europäisch anmutenden Uferpromenade.
Einen Tag muß man veranschlagen, ist aber auch völlig ausreichend. Der Raum Kaiping liegt etwa 120 km südwestlich von Guangzhou.




Kaiping liegt schon in den Tropen


Eiserne Fensterläden sollten schützen




Aufwendige Stuckfassaden zeugen von Wohlstand




Die Wurzeln der Lotospflanzen sind eine beliebte Zutat der chinesischen Küche


Die Jungen arbeiten heute in Guangzhou oder Hongkong




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